Trentino und Südtirol

Sehr oft muß ich schmunzeln, wenn ich irgendwo vom Gardasee in Südtirol lese. Denn dabei handelt es sich um einen Irrtum, der aber leicht aufgeklärt werden kann. Denn die Südtiroler und die Trentiner sind zwei ganz unterschiedliche Menschenschläge – die zwar viel gemeinsam haben, aber dennoch großen Wert darauf legen, nicht in einen Topf geworfen zu werden.

Auch wenn es schon länger keine wirkliche „Feindschaft“ zwischen den Trentinern und ihren nördlichen Nachbarn gibt, so sind die geschichtlich fundierten Differenzen immer noch so weit ausgeprägt, dass man sich nicht ganz 100%ig vertraut, und zumindest großen Wert auf die Unterscheidung legt. Jeder hat eben so seinen Stolz.

Trentino-Südtirol ist die nördlichste Region Italiens und besteht aus jenem Stück Tirol, welches nach dem ersten Werltkrieg Italien zugesprochen wurde. Trentino-Südtirol ist eine autonome Region, d.h. sie hat ein Sonderstatut, welches ihr spezielle Rechte und Kompetenzen zuträgt. Ein Beispiel des „asymetrischen“ italienischen Föderalsystems, wo sich die Regionen mit Normalstatut eben von jenen mit Sonderstatut unterscheiden – auch wenn die Unterschiede heute nicht mehr so stark ausgeprägt sind wie einst.

Die autonome Region Trentino-Südtirol besteht aus zwei Provinzen, aus Südtirol (Provinz Bozen) und dem Trentino (Provinz Trient). Doch dabei handelt es sich keineswegs um normale italienische Provinzen. Denn die beiden Provinzen der autonomen Region sind ihrerseits autonom, undzwar gegenüber der Region. Die autonome Provinz Bozen und die autonome Provinz Trient sind also autonom von der autonomen Region Trentino-Südtirol. Alles klar? Naja, für aussenstehende mag das kompliziert klingen, für Trentiner und Südtiroler ist es die normalste Sache auf der Welt. Das führt dazu, daß Bozen und Trient in vielen Bereichen Gesetze erlassen können – das kann sonst keine Provinz in Italien, sondern nur die Region oder die Bundesebene. Das führt also dazu, daß Trentino und Südtirol in vielen Bereichen unterschiedliche Gesetze haben – ganz so, als wären es unterschiedliche Regionen. Um es einfacher zu sagen, hat die autonome Region im Laufe der Jahrzehnte fast alle ihrer Zuständigkeiten an die beiden autonomen Provinzen abgetreten und ist selbst zu einer „leeren Hülse“ verkommen. Falls ich in den Köpfen der Leser noch nicht genügend Chaos gestiftet habe, könnte ich noch stundenlang weitermachen, aber ich glaube, ich belasse es mal dabei und komme lieber zur Geschichte.

Im ersten Weltkrieg kam das Trentino zu Italien, und schlußendlich auch Südtirol. Wobei das vorwiegend italienischsprachige Trentino den Truppen kaum Widerstand leistete, man wollte zum italienischen Nationalstaat gehören. Anders das weitgehende deutschsprachige Südtirol – hier schafften es die italienischen Truppen erst gar nicht, einzumarschieren. Dies gelang erst, als sich nach jahrelangem, bitteren Stellungsrkieg in den Gletschern die österreichische Verteidigung aufgrund eines Mißverständnisses im Datum (0 Uhr wurde mit 24 Uhr verwechselt) einen Tag vor Waffenstillstand fluchtartig von der Front verabschiedete, und die Italiener am letzten Kriegstag bequem bis zur Wasserscheide durchmarschierten.

Als kurz nach Kriegsende die Faschisten putschten, leideten besonders die deutsche und ladinische Sprachminderheit stark unter den Assimilierungsversuchen. Nach dramatischen Aussliedlungsversuchen (Option) 1943 die Nazis einmarschierten, bezahlten viele Südtiroler, aber noch viel mehr Trentiner die Besatzungszeit mit dem Leben. Nach der Wiederherstellung der Demokratie in Italien wurde der Region Trentino-Südtirol ein Sonderstatus zugesprochen, um die Sprachminderheiten zu schützen. Trotz dieses Abkommens war die deutsche Minderheit in der Region an den Rand gedrängt, da die Entscheidungen in der Regionalhauptstadt Trient von der italienischen Mehrheit beschlossen wurden. Im Trentino ist die Bevölkerung fast ausschließlich italienischsprachig, in Südtirol mehrheitlich deutschsprachig. Aus diesem Grund wurde nach langem Ringen Anfang der 70er Jahre ein neues Autonomie-Statut ausgearbeitet, welches die beiden autonomen Provinzen von Südtirol und Trentino gründete – somit war eine für alle gute Lösung gefunden, die im italienischen Kontext eine absolute Besonderheit ist.

Zu Südtirol (Hauptstadt Bozen) gehören – von West nach Ost – der Vinschgau, das Burggrafenamt mit Meran und den Seitentälern Passeier und Ulten, das Etschtal mit dem Südtiroler Unterland und der Hochebene des Überetsch (hier befindet sich die Weinstraße), der nordwestliche Teil der Dolomiten mit den ladinischsprachigen Tälern Gröden und Gadertal (Badia), das Eisacktal und das untere Wipptal, sowie das Pustertal bis zur österreichischen Grenze mit dem Tauferer Ahrntal als Verzweigung.

Das Trentino hingegen besteht aus folgenden Tälern und Gebirgen: Val di Sole (Sulzbergtal) und Val di Non (Nonstal) mit teils ladinischsprachiger Bevölkerung, südlich davon die Val Rendena mit den Tourismus-Hochburgen Madonna di Campiglio und Pinzolo und die judikarischen Täler, die Valle dei Laghi und die Paganella -Hochebene westlich des Adamello- und Brenta-Massivs, das Ledrotal und der obere Gardasee mit Riva del Garda, das Etschtal von der „Piana Rotaliana“ über Trient und Rovereto (Vallagarina), die Valsugana mit der Therme von Levico und südlich davon die Hochebenen von Folgaria, Lavarone und Lusern, sowie entlang des Flusses Avisio die Täler Cembra, Fleimstal und Fassatal (ladinischsprachig), sowie dahiner das Primierotal (alle im Gebiet der Dolomiten).

Man sollte also genau aufpassen, bevor man „in Südtirol“ oder „im Trentino“ sagt, denn die Südtiroler wie die Trentiner sind „not amused“ wenn ein Gebiet falsch bezeichnet wird.

Veröffentlicht on August 1, 2007 at 6:51 Kommentar schreiben

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